Text: Dennis Rüter
Thronräuber | |
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3. Myranor-Roman (2004) |
349 Seiten, davon 338 Seiten Geschichte und 5 fürs Glossar; 5€ | |
Alexander Lohmann |
Herbstzeit bedeutet scheinbar Niedergang: Bäume verlieren ihre Blätter, und wenn schon die abnehmende Tageslänge nicht zu sehnsüchtigen Gedanken (an den Sommer) verführt, so doch das zunehmend (nach Verständnis der Mitteleuropäer) schlechtere Wetter. Nebel, Regen und Brisen bringen keine Abkühlung mehr, sondern nehmen die Kraft, ziehen ungeschützten Wesen die Wärme aus dem Körper und wirken düster und unheimlich. Die Grenze zum Sturm, zu Graupel, Schnee und (Nacht-)Frost wird oft überschritten, ohne dass die weiße Pracht im Tiefland liegen bleibt. Vögel fliegen in den Süden, kleine Säugetiere halten Winterschlaf – für Menschen in unserer Gesellschaft undenkbar bzw. für die meisten unbezahlbar. Um sich von der immer trostloser wirkenden Umwelt abzulenken, empfehlen sich Aktivitäten im Haus. Da kommt ein gutes Buch ja gerade recht. Und am Ende bleibt die Erkenntnis: auf Ruhe folgt Aktivität, auf Niedergang neues Wachstum, auf ein Ende ein Anfang.
Bei schwarzer Magie und dunklen Horden denken DSA-Spieler der letzten Jahre an die besetzten Gebiete im Osten Aventuriens, wo mittlerweile größtenteils Borbarads ‚Ur-Enkel‘ das Sagen haben. In
Myranor wären so kleine Gebiete kaum überlebensfähig bzw. nicht erwähnenswert im großen Kontext. Hier haben die Autoren und Autorinnen daher ein den Dimensionen der wohl von Pol zu Pol reichenden Landmassen angepasstes Staatswesen düsterer Prägung eingeführt, mit Millionen von Sklaven und untoten Dienern: die Diktatur der
Draydâl, die dem Lande selbst das Leben aussaugen. Das ehemalige imperiale Gebiet westlich des
blauen Orismani wurde von ihnen besetzt, die Stadtstaaten östlich davon bis
Xarxaron zittern vor den Untoten.
Dieses Gebiet liegt im fernen Westen, abseits der Gebiete, in denen Aventurier in der Regel stranden. Trotzdem ist es gut, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, eine Geschichte in den Stadtstaaten spielen zu lassen – wenn auch die Probleme dort innerer Natur sind.
Cover:
Auf einem Baum stehen ein paar an fette Magier mit Spitzhüten erinnernde Steinbauten, während im Vordergrund ein paar Menschen von einem kleineren, ballonlosen Luftschiff aussteigen. In der Geschichte kommen immerhin ein Luftschiff und der Pardir-Dschungel vor.
Geschichte:
Die Zauberin Baliante lebt in einem kleinen Stadtstaat am Oberlauf des grünen Orismani (liegt östlich des blauen) und verdient sich ihren Unterhalt durch kleine Austreibungen. Eines Tages begeht ein Bekannter – im Geiste zurückgeblieben – auf der Flucht ein ‚Verbrechen‘. Sie flieht mit dem Zurückgebliebenen in den Dschungel und gelangt über das erwähnte Luftschiff mit Mühe nach Neanikis. Dort wird sie in die Rebellion gegen den
Magnaten gezogen, der den Einwohnern noch für die letzte Kleinigkeit ihr Geld abknöpft, sodass die Rebellen den
Trodinar wieder an die Macht bringen wollen. Dabei hat Baliante, die den Ort vor zehn Jahren verließ und jetzt von der Situation überrascht wird, durchaus mehr mit der Sache zu tun, als der Anfang vermuten ließe.
Diese Geschichte ist so einfach wie gut. Um den Plot herum, der aus wenigen Blickwinkeln beschrieben wird, schildert Herr Lohmann einige kleine Geschichten, die in selbigen übergehen, ihn bereichern und ausschmücken. Draydâl spielen keine Rolle, und auch die Magie beschränkt sich im Wesentlichen auf ein paar Matrizen und einen speziellen ‚Effekt‘. Das ist auf dem Kontinent der Magie schade, angesichts der Veröffentlichung im Jahre 2004 (noch vor dem neuen HC) jedoch verzeih- und verstehbar.
Weder die Bösen noch die Guten sind übermächtig. Nicht ganz unerwartet für mich kam zum Schluss eine Wendung. Der Entschluss des Autors, das Ende nicht glücklich zu gestalten, ist lobenswert und gut umgesetzt. Ein Quäntchen Tiefe hätte aber noch hinzugefügt werden können, um eine unvergessliche Meistermischung zu erzeugen. Die Widmung, die der Autor am Anfang des Buches der Memoria Myrana zukommen lässt, gibt einen Pluspunkt.
Auf der anderen Seite muss die doch plötzliche Rettung Baliantes und ihres Schützlings aus dem pardirverseuchten Dschungel als ‚erstaunlicher Zufall‘ abgetan werden. Die Vinshina, die mit ihrem Luftschiff auf Bitte (oder für einen Gefallen?) einer Ashariel dort vorbeikommen und die Zauberin aufnehmen, tun dies nämlich nur auf Bitte (oder für einen Gefallen?) einer Ashariel, die anfangs scheinbar mehr weiß, sich aber nach und nach als unspannend unwissend entpuppt. Zudem sollen die Luftschiffer eine Stadt am grünen Orismani, sozusagen vor der eigenen Haustür, nicht einmal aus Erzählungen kennen? Und einen Tharpuresen mitnehmen, weil der einen (besseren) Weg durch Tharamans Rippen weisen kann?
Charaktere:
Neben der immer sehr unentschlossenen Baliante und dem zurückgebliebenen, friedlichen Hünen gibt es noch den erwähnten, ‚vom Winde verwehten‘ Bansumiter, der eigentlich nur ordentlich absahnen möchte, und eine Handvoll dürftig ausgestatteter Rebellen, die aber nur (passende) Nebenrollen mimen. Ein Sprichwörter Myranors von sich gebender Shingwa dürfte auch anderen Lesern im Gedächtnis haften bleiben. Die verschiedenen Charaktere und deren Motivationen sind verständlich und nachvollziehbar, die Personen dreidimensional – nur bei der Ashariel, die Baliante aus dem Dschungel rettet, stellt sich die Frage, warum sie das alles tut. Und der endgültige Grund wirkt dann doch extravagant, als habe die Vogelfrau nichts Besseres zu tun. Jedenfalls ginge es schneller einen Typen mit Höhenangst zu kurieren, um ihr Verlangen ebenfalls zu befriedigen.
Der Wechsel eines Mitglieds von der ‚dunklen‘ auf die ‚helle‘ Seite während des Finales wirkte auf mich doch etwas seltsam, zumal dieser Charakter kaum in der Geschichte auftaucht und fremd bleibt. Seinem inneren Konflikt ließe sich sicher etwas abgewinnen, aus seiner Sichtweite die Seite der Mächtigen (oder des Magnaten) mit Nuancen bereichern. Dazu beitragen würde auch ein Auftauchen eines alten Bekannten von Baliante, ohne dessen Hilfe das Finale nicht stattfinden könnte, der aber eben leider nicht vorkommt. Auch der Bansumiter wäre als zwielichtiger Charakter vielleicht noch stimmungsvoller.
Schauplätze:
Der Roman spielt in zwei eher kleinen Stadtstaaten Meranthals.
Lyrnathas besitzt dabei die interessante Besonderheit, dass der Besitz der Toten, zumindest deren Wohnungen, von den
Neristu verwaltet wird, die entsprechend das Sagen in der Stadt haben. Die Idee ist stimmig. Neanikis – ein Stückchen größer – dagegen wird von einem Zweig der Tharamnos regiert, zählt aber nicht zu Xarxaron. Der Ort besteht aus einer äußeren und einer inneren Stadt; in Letzterer leben die mächtigen Optimaten (und Honoraten?) in hohen Türmen hinter einer eigenen Mauer zu den einfachen Leuten. Zudem spielt ein Kapitel im wilden Pardirdschungel.
Die Beschreibungen vermitteln zwar ein gutes Bild, aber auch hier ließe sich noch mehr herausholen. Dies könnten zum Beispiel lokale Besonderheiten sein, wie bestimmte Spezialitäten, Tiere oder Pflanzen. Da das Arsenal erst lange nach dem Roman erschienen ist (und der Autor wohl nicht so festlegend beschreiben wollte), fehlt auch die örtliche Waffentradition, die sich bekanntlich im Mangel guter Schusswaffen einerseits und guter Verfügbarkeit von Chratholz andererseits ausdrückt. Die Austauschbarkeit ist dadurch möglich (zumindest innerhalb Myranors), was in diesem Punkt leider Abzüge in der Wertung bewirkt.
Wiedergabe Myranors im Buch:
Leonir,
Pardir,
Ashariel und
Shingwa kommen vor, ebenso (kurz)
Vinshina mit ihrem nur wenig beschriebenen Luftschiff. Andere Rassen spielen keine so große Rolle. Selbiges gilt für Religion: nicht einmal ein Tempel steht irgendwo herum, nur das Brauchtum Lyrnathas bildet einen Rahmen für die Handlung, ohne den der Grund für die Flucht nicht gegeben wäre.
Fazit:
Cover: | 4 von 5 Sternen |
Story: | 4 von 5 Sternen |
Charaktere: | 4 von 5 Sternen |
Schauplätze: | 3 von 5 Sternen |
Wiedergabe Myranors: | 3 von 5 |
Gesamt | 4 von 5 Sternen (5 ist die Bestwertung) |
Netter Roman, mal mit einem guten, wenn auch tragisch überschatteten Ende, dem ein bisschen mehr Lokalkolorit und ‚Dunkelgrau‘ gut getan hätte.